VW treibt die Elektrifizierung der Modellpalette konsequent voran. Der aktuellste Spross der Zero-Emission-Nutzfahrzeuge aus Wolfsburg ist der E-Crafter. Tuttosprint durfte das Serienmodell in Hamburg historischer Speicherstadt testen.
Normalerweise ist eine Fahrt durch den dichten Stadtverkehr kein Vergnügen, schon gar nicht mit einem Lieferwagen. Zu den stattlichen Dimensionen, welche die Übersicht und das Manövrieren erschweren, gesellt sich normalerweise ein nicht besonders reaktionsfreudiger Dieselmotor, der lange Pedalweg der Kupplung und ein Getriebe, in dem vor und nach jeder Ampel tüchtig gerührt werden muss. Transporterfahren in der Innenstadt, das ist Arbeit.
Ganz anders lebt es sich im neuen E-Crafter: Lautlos aber dafür vehement, beschleunigt der Elektromotor mit 136 PS und 290 NM den 2,54 Tonnen schweren Transporter aus dem Stand bis er bei 90 km/h begrenzt wird. Da ist kein Turboloch, da sind keine Gänge zu sortieren. Gewöhnungsbedürftig, fast etwas unheimlich, ist zu Beginn nur die Stille. Nicht nur für den Fahrer, sondern auch für die Passanten und Radfahrer. Diese bemerken den elektrischen Transporter nämlich erst dann, wenn er bereits an ihnen vorbei gerauscht ist. Eine Problematik, die aber demnächst durch einen Soundgenerator gelöst werden soll. Abgesehen von diesem Punkt ist der Elektroantrieb absolut prädestiniert für den Stop-and-go-Betrieb und offeriert neben seiner Emissionsfreiheit ein signifikantes Komfortplus bei der Arbeit in der urbanen Umgebung. Und genau auf diese ist der E-Crafter zugeschnitten.
In der Entwicklungsphase dieses Modells analysierte VW die Nutzungsprofile von gesamthaft 150 Unternehmen und führte 1460 Interviews durch. Dabei kristallisierte sich heraus, dass 70 Prozent der Fahrten mit Nutzfahrzeugen dieser Art mit einer täglichen Laufleistung von weniger als 175 Kilometer stattfinden. Im Durchschnitt sind es deren 70. Seit 2017 wurden Pilotversuche in Deutschland, Grossbritannien, den Niederlanden und Schweden bei 24 verschiedenen Entwicklungspartnern durchgeführt. Zu den typischen Nutzern dieses Fahrzeugs zählen beispielsweise Verkehrsbetriebe, Handwerker, öffentliche Dienste wie Polizei und Feuerwehr und vor allem Lieferdienste, welche die «letzte Meile» bedienen. Gerade letztere verspricht in den kommenden Jahren durch die fortschreitende Urbanisierung und den Onlinehandel überproportional an Gewicht zu gewinnen.
Mit einer Akkuladung offeriert der E-Crafter laut NEFZ Testzyklus eine maximale Autonomie von 175 Kilometern. Auch nach 10 Jahren garantiert VW, dass der Akku noch mindestens 70 Prozent seiner ursprünglichen Kapazität liefern soll. Mittels 40-kW-Schnellladung an einer CCS-Säule soll er in 45 Minuten wieder zu 80 Prozent geladen sein, an einer Wallbox mit 7,2 kW dauert ein Ladezyklus 5 Stunden 20 Minuten und an der normalen Steckdose (2,3 kW) 17 Stunden. Der Akku ist unter dem Laderaum verbaut und schränkt diesen dadurch nicht ein. 10,7 Kubikmeter und eine Nutzlast von 970 kg bietet der E-Crafter. Er fasst vier Europaletten.
Gebaut wird der elektrische Transporter im selben Werk im polnischen Wrze?nia wie die Versionen mit Verbrennungsmotor. Doch während letztere in 69 unterschiedlichen Konfigurationen erhältlich sind, beschränkt sich VW vorerst auf eine einzige elektrische mit einer Seitenschiebetür und 5,98 m Fahrzeuglänge. Dies, um den E-Crafter kompetitiver kalkulieren zu können. Denn die Endmontage findet in einer Manufaktur in Hannover statt, in welcher lediglich die Komponenten des elektrischen Antriebs in das fertige Fahrzeug installiert werden. Zu diesen zählen im Wesentlichen eine Synchronmaschine, die via Eingang-Automatik die Vorderräder antreibt, die Regelelektronik und die Batterie. Diese wird von VW in Braunschweig gefertigt und besteht aus Zellen von Panasonic. Sie verrichtet ihren Dienst bereits im elektrischen Golf und sie ist ideal dimensioniert, um einerseits eine praxistaugliche Reichweite bieten zu können und andererseits den Anschaffungspreis des E-Crafters möglichst niedrig halten zu können. Dieser liegt in der Schweiz bei 83’090 Franken exkl. MwSt.
Die elektrische Version des Crafters ist damit fast 20’000 Franken teurer als ein vergleichbar ausgestattetes Modell mit Verbrennungsmotor. Das ist ein stattlicher Aufpreis, doch auf der anderen Seite der Rechnung finden sich die wesentlich niedrigeren Betriebskosten durch den geringeren Energie- und Wartungsaufwand und die aktuell vorhandene Steuerersparnis. VW rechnet ausserdem damit, dass wachsende Restriktionen wie Fahrverbotszonen in Innenstädten (wie sie jüngst in Hamburg anzutreffen sind) und auch das saubere Image für Flottenkunden wichtige Aspekte darstellen, die zunehmend an Relevanz gewinnen werden. Der ab sofort bestellbare E-Crafter sieht sich aktuell in einem kleinen Feld von Mitbewerbern. Dazu zählen der Iveco Daily Electric, der Renault Master Z.E. sowie der Mercedes Sprinter, welcher nächstes Jahr auch mit einer elektrischen Variante anrollen soll. S. HALTINER